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Sascha Woltersdorf
Club-Landschaft:
Kölner Szenen
Fizzz, August 2009
Facetten- und Abwechslungsreich präsentiert sich die
Kölner Gastronomie-Szene. Da gehen sogar Tradition
und Trend Hand in Hand.
Es kommt nicht oft vor, dass
im Zentrum einer Großstadt ein komplett
neuer Stadtteil entsteht. Etwa zwei Kilometer lang, aber nur 200 Meter
breit ist Kölns "Veedel" Nummer 86, der Rheinauhafen. Das ehemalige Hafengelände
mit Speicherstadt bietet nun auch gastronomisches Neuland, das es zu erobern
gilt. Allerdings ist der zukünftig als Kölner Visitenkarte gedachte Schmalspurstadtteil
noch nicht ganz fertig, so steht eines der
drei an alte Hafenkräne erinnernden "Kranhäuser" immer noch im Bau.
Die ersten gastronomischen Züge des Viertels, das mit einem Mix aus Arbeiten,
Wohnen, Kunst und Kultur zu einem neuen Hot Spot werden soll, sind aber
bereits jetzt zu erkennen. Und sie sind typisch für Köln und die Kölner,
die sich für ungewöhnliche Konzepte oft nur langsam erwärmen.
Einer der ersten am neuen Platz war die "EA Sportsbar". Eng angebunden
an den Computerspielriesen Electronic Arts ("Die Sims", "Fußball Manager")
mit weltweitem Milliardenumsatz, dessen Deutschland-Zentrale ebenfalls
im Gebäude residiert, soll das Konzept vor allem Gamer und Sportfans ansprechen
- und am besten Leute, die beides zugleich sind. Die Bar verknüpfe die
virtuelle und reale Welt miteinander, sagt Geschäftsführer Thomas Lierz.
"Man kann hier das Champions-League-Finale sehen und es danach auf der
Playstation nachspielen. Vielleicht sieht die Wirklichkeit dann anders
aus: ManU rächt sich an Barca und gewinnt." Das locke nicht nur nerdige
Knöpfchendrücker an, sondern auch Konsolen-Erstkontakter, glaubt Lierz.
"Wir wollen die Laufkundschaft mit Gaming ansprechen.
Allein schon die Einrichtung sagt: Hier bist du in einer anderen Welt.
Wer zum Daddeln vorbeischaut, sitzt an hellen Tischen, deren Holz an
die Dielenböden alter Sporthallen erinnert. Die Ton in Ton gehaltenen
Bänke versprechen und halten den Komfort einer Auswechselbank.
Ohnehin wird das geradlinig-klare Design der Bar von sechs großen Flachbildschirmen
und einer Leinwand, die heruntergelassen werden
kann, bestimmt. Die passenden Gamecontroller für die jeweiligen Konsolen
Wii, Xbox oder Playstation - gibt es an der Theke. Das "Game-Menue"
ebenfalls, das sich als schwarze DVD-Tasche aus Nylon entpuppt: Silberscheibe
aussuchen, einlegen, spielen.
Der Rheinauhafen sucht sein Publikum
Nicht nur die Videospiel-Bar visiert die in dem neuen Viertel zwischen
Denkmalschutz und moderner Architektur lebenden Kölner an. Noch
ein wenig länger am Platz ist das "Kap am Südkai" mit einer einfachen
und ehrlichen, süddeutsch inspirierten Küche, die sich trotzdem den Blick
über die Alpen in mediterrane Töpfe und Pfannen zutraut. Hier treffen
Wirsing-Ravioli auf hausgeräucherten Hirschschinken mit Feigensenf.
Vor der Terrasse des loungigen, in schlichten hellen und dunklen Holz-
tönen gehaltenen Bistros wirft einer Stahlarm aus. Man kann den Blick
über den Fluss schweifen lassen, während Lastkähne unter Rheinbrücken
durchtuckern. Das durchaus lauschige Plätzchen schafft ein angenehmes
Entrée für die folgenden zwei Flanierkilometer, die sich vom Süden der
Domstadt bis zum touristisch stark frequentierten Schokoladenmuseum hinaufziehen.
Einige Locations am Rheinufer profitieren von der histo-
rischen Bausubstanz, wie das Restaurant "Limani", das im denkmal-
geschützten ehemaligen Kontorgebäude eine zünftige griechische Küche
und Weine bietet, selbstverständlich auch auf der großen Außenterrasse.
Andere, wie die am Zollhafen gelegene "Kameha Suite", prägt eine moderne
Innenarchitektur. Das lichtdurchflutete "Stage Restaurant" der Suite wird
von einer bogenförmigen Treppe dominiert, Möbel mit Space-Age-Anleihen
und viele runde Formen versprühen Retro-Chic. Die nahezu bodentiefen Fenster
erlauben einen freien Blick auf den Yachthafen. Wie die meisten Locations
im Rheinauhafen setzt auch die "Kameha Suite" auf Außen-
gastronomie, will aber nicht nur spazierende Köln-Besucher anlocken, sondern
auch zum Anziehungspunkt für das heimische Szenenpublikum werden.
Im Visier der Rheinauhafen-Gastronomie liegt die benachbarte Südstadt,
ein großer und für Köln sehr typischer Stadtteil. Hier wohnen Ur-Einwohner
neben vielen jungen Zugereisten, den sogenannten "Immis", die nicht selten
an Uni oder FH eingeschrieben sind. Die Südstädter zu gewinnen, sei nicht
so ganz einfach, weiß "EA-Sportsbar"-Chef Lierz. Denn erst einmal will
"diese Mischung aus Studenten und Alteingesessenen, dieses wirklich recht
eigene Völkchen" begeistert werden. "Aber hat man das einmal geschafft,
bekommt man besonders treue Stammgäste."
Kölner Kür: Moderne Tradition
Das scheint für die ganze Stadt zu gelten. Die gastronomische Konkurrenz
ist groß, Neulinge haben es auf den ersten Metern schwer. Aber wer die
übersteht, kann einen ganz langen Atem entwickeln. Paolo Campi muss es
wissen, er betreibt seit 1983 gemeinsam mit TV-Moderator Alfred Biolek
den "Alten Wartesaal". Die Mischung aus Club, Event-Bühne und Restaurant
gehört zu den gut funktionierenden Konzepten der Domstadt. Und das nach
einem ziemlich schlechten Start. Kurz nach Eröffnung habe man an vier
Tagen rund 18.000 DM verloren. Und das mit Karnevalspartys direkt zu Füßen
des Kölner Doms sozusagen mitten im Sturmzentrum des Straßen-
karnevals.
Ein "Kunststück", wie Campi heute findet, aus dem man jedoch gelernt habe.
"Der Kölner kommt nie zur ersten Party. Aber wenn er hinterher gehört
hat, dass es gut gewesen ist, kommt er immer wieder." Campi selbst stammt
aus einer Gastronomen-Familie. Seine Großeltern eröffneten 1925 Kölns
erste italienische Eisdiele, nachdem sie auf der Flucht vor der heimischen
Diktatur in der rheinischen Metropole gestrandet waren.
Unter Vater Pierluigi "Gigi" Campi wurde das Eiscafé auf Kölns Einkaufs-
meile Hohe Straße in den 1950er und 1960er Jahren zu einem Treffpunkt
der Kölner und internationalen Jazzszene. Sohn Paolo hat nun als Szenen-Gastronom
in dritter Generation neben dem "Alten Wartesaal" die "Kunst-
bar" eröffnet, die ebenfalls einer ungewöhnlichen und ambitionierten Idee
folgt. Ein Künstler bekommt die Möglichkeit, die gesamte Bar nach seinen
Vorstellungen in ein Gesamtkunstwerk zu verwandeln. Alles geht, von der
Einrichtung über die Präsentation der eigenen Werke bis hin zur Musik
und einem kunstvollen Getränkeangebot. Den Anfang machte Arne Quinze,
seit Juni gestaltet Ingo Stein die "Kunstbar".
Die Idee, einen alteingesessenen und etwas in die Jahre gekommenen gastronomischen
Betrieb mit neuem Leben zu füllen, ist sicher keine Erfindung der Rheinländer.
Aber hier funktioniert diese Idee besonders
gut. So, wie aus einer Bahnhofsabsteige, einem "abgerockten Laden mit
Theken-Mamsell und Typen, denen schon der Kopf neben das Kölsch auf
den Tresen gesackt war" (Campi), der "Alte Wartesaal" mit liebevoll ge-
pflegter Jugendstil-Atmosphäre wurde, erlebte auch das "King Georg"
vor einigen Monaten eine Runderneuerung.
Der Club mit dem fehlenden "e" im Namen gehört zu Kölns ältesten und vormals
verruchtesten Etablissements. Macher André Sauer, dessen Vater von 1969
bis 1973 den legendären "Lovers Club" mit Besuchern wie Jimi Hendrix und
Mick Jagger führte, will "alte traditionelle Orte mit frischen pop- und
subkulturellen Inhalten füllen". Das sei eine "natürliche Heran-
gehensweise, wenn das Budget knapp ist. Aber man kann eine solche ge-
lebte Clubkultur nicht als Konzept sehen oder versuchen, es mit viel Geld
auf die Beine zu stellen."
Die Einrichtung der klassischen Animierbar mit Sitzecken und Messing-
stangen habe er so zurückgesetzt, wie es einmal gedacht gewesen sei.
"Die schnörkelhaften, kitschigen Elemente, die während der letzten
40 Jahre dazugekommen sind, haben wir entfernt. Getragen wird das
,King Georg' vor allem von den Ideen der Leute, die hier leben. So ge-
sehen ist es typisch Köln."
Szenen-Gastronomie mit Tradition in Köln wird dieser Widerspruch
so manches Mal aufgehoben. Der richtige Ort dafür scheinen das uninahe
"Kwartier Lateng" und das benachbarte Belgische Viertel zu sein. Seit
mehr als 30 Jahren existiert dort beispielsweise das von Taxifahrern gern
"Krawallbud" genannte "Blue Shell", das 1979 unter der Patenschaft von
Punkrock und New Wave aus der Taufe gehoben wurde.
Unter Neonlicht und zwischen blau lackierten Wänden feierten hier
Musiker von Clash bis Slash, von Blur bis Blumfeld. Clever stellt es auch
die Traditionsgaststätte "Haus Scholzen" in Ehrenfeld an. Das benachbarte
"Scholzen Privat" hat die Gerichte des Mutterhauses auf der Karte, findet
seine Gäste dank des dezenten und ganz "unbrauhausigen" Ambientes jedoch
in der jüngeren Zielgruppe.
Überhaupt, die Brauhäuser: Hier verschmelzen Jung und Alt, Szene und Mainstream.
Sie sind der Ort für Jedermann. Zum Beispiel die neue Adresse "Zum alten
Brauhaus" der Privat-Brauerei Reissdorf in der szenigen Kölner Südstadt.
Der Name ist ein Hinweis darauf, dass die größte Kölsch-Brauerei in der
Domstadt einst genau hier in der Severinstraße gegründet wurde. Betreiber
Alexander Manek ("Haus Unkelbach", Köln) bietet in seinem 245 Sitzplätze
umfassenden Brauhaus samt in den Boden versenkbarer Glasfront Traditionelles
wie "Himmel un Ääd" ebenso an wie Modernes à la Lachssteak und Garnelenspieß
auf Pommery-Senfsauce.
Der "Ring" - ein gastronomisches Experimentierfeld
Selbstverständlich suchen auch zahlreiche Club- und Bar-Neulinge ihre
Chance, nicht selten auf dem Ring, der halbkreisförmigen Ringstraße rund
um die Kölner Innenstadt. Wenn der Ring die Partymeile ist, dann ist die
kleine Friesenstraße die Partygasse. Seit Kurzem wird die Friesenstraße
von der "Stuck Bar" bereichert, die das volle Programm für Nachtschwär-
mer auf nur 50 Quadratmetern fährt da ist eine gewisse Gemütlichkeit
unausweichlich. Am Wochenende wird "open end" gefeiert, unter der Woche
bis fünf Uhr. Die Theke, die kleiner als eine Single-Küche ist, hat sogar
Platz für ein DJ-Pult, die Soundfarbe dieser Minibar geht stark in Richtung
House. Und die namensgebenden Stuckdecken sind echt.
Das "Flamingo Royal" hat sich zum Ziel gesetzt, als "Boutique Club" insbe-
sondere die weiblichen Gäste anzusprechen. Dafür wartet das in Leder,
Samt und Satin verspielte Interieur mit manchem Gimmick auf. Zum
Beispiel verbirgt sich unter manchen Sitzpolstern ein Fach, in dem eine
Handtasche verstaut werden kann. Generell dürfen die Gäste gern zahlungskräftig
sein, der Taittinger kann auch in der Sechs-Liter-Flasche serviert werden.
Der "Wohngemeinschaft" ist es gelungen, mit einem ungewöhnlichen Konzept
aus dem Stand heraus das Szenenpublikum zu erobern. Wie eine
WG ist diese Bar in vier offene Zimmer unterteilt, die im Stil der fiktiven
Bewohner eingerichtet sind. Ein echter VW-Bus mit Surfbrett auf dem Dach
steht im Zimmer von Hippie Jojo. Die Reservierung im Separèe, also dem
Hippie-Bus, kostet übrigens 100 Euro inklusive 20-Liter-Fässchen Kölsch.
Anabels Mädchenzimmer ist total verblümt, und im Raum der chinesischen
Austauschstudentin lädt, klar, eine Tischtennisplatte zum Rundlauf spielen
ein. Sehr schön, da fühlt sich jeder Gast sofort heimisch. Die offene
Einteilung verwandelt die Bar in eine permanente WG-Sause - nur ohne Beschwerden
von den Nachbarn.
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