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Sascha Woltersdorf
Finanzkrise:
Heuschrecken mit Bauchweh
INDat-Report, Ausgabe 01/2009
Private Equity steckt mitten
in der Finanzkrise.
Die Folge: Unternehmensschieflagen sowie
Insolvenzen nehmen zu, und das Geld für
Restrukturierungen sitzt knapper. Neben den
Automobilzulieferern sind vor allem die
Anlagenbauer betroffen.
Die Prognose klingt gar nicht gut: Finanzexperten schätzen, dass etwa
ein Viertel aller deutschen Unternehmen, die im Besitz von Finanzinvestoren
sind, zum Restrukturierungsfall werden könnten.
Treffen solch düstere Erwartungen tatsächlich ein, dürfte eine
beispiellose Pleitelawine über wichtige Branchen rollen. Bei den Autozulieferern,
in diesem Wirtschaftszweig sind etwa 25 Prozent
der größeren Anbieter mehrheitlich in den Händen von Beteiligungs-
gesellschaften, gab es bereits die ersten Zusammenbrüche – und zwar
schon vor der schlagzeilenträchtigen Insolvenz von Edscha am 2.2.2009.
Der Bremsbelaghersteller TMD Friction, gehalten von Montagu Private Equity,
stellte bereits am 8.12.2008 einen Insolvenzantrag. Zum
vorläufigen Insolvenzverwalter wurde RA Dr. Frank Kebekus berufen.
Der Geräuschdämpfungsspezialist Gimotive/Stankiewicz, 2006 aufgekauft
durch Gilde Buy Out Partners, musste am 30.12.2008 ebenfalls Insolvenz
anmelden. RA Christopher Seagon ist vorläufiger Insolvenzverwalter.
Die "Heuschrecken" haben Bauchschmerzen: Spätestens seit der
Insolvenz der 6.000 Mitarbeiter starken Edscha, die 2003 von der Carlyle
Capital Corporation (CCC) übernommen wurde, gilt auch innerhalb der Private
Equity-Branche das Modell der schuldenfinanzierten Firmenübernahme (Leveraged
Buy-out, LBO) alles andere als zukunftsfähig. Die den gekauften Unternehmen
aufgebürdeten Kredite erweisen sich in Zeiten, in denen schwarze Zahlen
kleiner oder sogar rot werden, als erdrückende Belastung. Schnell droht
die Zahlungsunfähigkeit. Und davon werden nicht nur die Autozulieferer,
sondern eine Reihe weiterer Wirtschaftsbereiche betroffen sein. Es sei
"nur eine Frage der Zeit, bis die Rezession auch in anderen Branchen
ankommt", glaubt Richard Markus, Managing Director der Investmentbank
Jefferies International (siehe Interview). Pleiten seien
etwa im Maschinen- und Anlagenbau zu erwarten, "wo es derzeit teilweise
noch Auftragsbestände gibt, aber keine Folgeaufträge".
Zu wenig Finanzspritzen
Auch die Private Equity-Häuser selbst stecken in der größten Krise ihrer
noch jungen Geschichte. Man ist überrascht von Ausmaß und Tempo des Abschwungs.
Die Beteiligungsgesellschaften bekommen Probleme mit
ihren eigenen Investoren, wenn sie wiederholt Geld in schwächelnde Unternehmen
stecken. Spätestens bei der zweiten Finanzspritze dürften
die intensiven Nachfragen kommen. Die Folge: Derzeitige Fonds laufen
aus, neue werden momentan nicht aufgelegt. Im schlimmsten Fall ziehen
Investoren sogar ihre Zahlungszusagen für bereits aufgelegte Fonds zurück.
Bereits jetzt gebe es "ein paar Fonds, die tot im Wasser liegen",
ließ sich kürzlich der Deutschland-Chef eines großen Fonds im "Handelsblatt"
zitieren. Seinen Namen wollte er nicht nennen.
Irgendwann müssen die Investoren allerdings zurückkehren. Fraglich,
ob dann LBO noch eine Rolle spielt. Unionsfraktionschef Volker Kauder
forderte in einem Interview mit der "Rheinischen Post" sogar
das Verbot
von Leveraged Buy-out. Seinen Worten zufolge soll es für Investoren-
gruppen in Deutschland künftig nicht mehr möglich sein, ohne eigenen Kapitaleinsatz
ein Unternehmen zu kaufen. Kauder: "Die Devise, ich habe keinen Cent,
aber wenn mir 40 Banken Milliarden leihen, kaufe ich jede Firma, ist ein
Geschäftsmodell, das es in Zukunft nicht mehr geben kann."
"Der aktuelle Bedarf an sanierungserfahrenen
Kräften ist extrem hoch"
Auf internationaler Ebene war die Investmentbank
Jefferies International an den Restrukturierungen von
Delphi und Federal Mogule beteiligt und hat in Deutschland
den Insolvenzverwalter der WCM AG beraten sowie den
Verkauf der Klöckner-Werke an die Salzgitter AG begleitet.
Sascha Woltersdorf sprach mit Richard Markus, Managing
Director Jefferies International, über kriselnde Branchen,
Private Equity und Restrukturierung.
Die Wirtschaftskrise wird schwerer. Was steht den deutschen Unternehmen
noch bevor?
Markus: Als Erstes werden die Automobilzulieferer betroffen sein –
die ersten Insolvenzen sind bereits bei Edscha und Stankiewicz zu sehen.
Andere Branchen sind da stabiler, und es dürfte etwas länger dauern, bis
diese in die Rezession rutschen. Im Moment haben sehr viele Unternehmen
in PE-Besitz sogenannte Covenant-Brüche. Laut unserer im Januar durchgeführten
Buy-out-Studie sind Banken und Equity-Häuser dann oft gemeinsam der Meinung,
das Unternehmen weiter zu unterstützen. Das Equity-Haus schießt noch einmal
Kapital nach, dafür sind die Banken im Gegenzug bereit, die Covenants
neu zu verhandeln und großzügiger auszugestalten. Aber das kostet Geld.
Das heißt, die Margen und Zinsen gehen nach oben. So war es bespielsweise
bei Carlyle und Edscha der Fall.
Da fällt der kurze Zeitraum zwischen dem Nachschießen von Geld und
der Insolvenz auf ...
Markus: Das ist für uns ganz klar ein Zeichen dafür, wie massiv die Auftragslage
bei den Automobilzuliefererunternehmen eingebrochen ist
und wie schnell da Geld verbrannt wird. Wir beraten derzeit eine Reihe
solcher Firmen und können bestätigen, dass die Einbrüche teilweise so
massiv und rapide sind, dass man gar nicht schnell genug reagieren kann.
Folglich ist bei einer dünnen Finanzdecke ein Unternehmen ganz schnell
in der Insolvenz.
Welche Branchen wird es noch treffen?
Markus: Der stark exportorientierte Maschinen- und Anlagenbau dürfte sicher
ebenfalls Schwierigkeiten bekommen. Bei Vorläufen von sechs bis neun Monaten
im Auftragsbestand könnte hier die Krise in der zweiten Jahreshälfte beginnen,
ebenso im Einzelhandel, wenn auf Konsum verzichtet wird, der nicht unbedingt
notwendig ist – im Elektronik- Bereich zum Beispiel. Letztendlich ist
es ein Domino-Effekt, der sich durch die Wirtschaft zieht.
Wenn PE-Häuser sich nun verstärkt um das eigene Portfolio kümmern,
könnte das ein Grund dafür sein, dass für Zukäufe weder Geld noch Kapazitäten
vorhanden sind?
Markus: Das ist richtig: PE-Häuser kümmern sich derzeit überwiegend und
akut um die eigenen Bestände. Die meisten Geschäftsmodelle der Portfolio-
Unternehmen sind dabei auf ein Wachstum ausgelegt. Doch gerade hier machen
wir derzeit eine 180-Grad-Wendung und müssen sehen, wie man diese Unternehmen
in einem schrumpfenden Umfeld für die Zukunft aufstellt. Das ist ein Kraftakt.
Und viele Management-Teams schaffen das nicht, weil sie eine solche Situation
bislang noch nicht mitgemacht haben. Jetzt braucht man eben Manager, die
ganz andere Fähigkeiten haben und auch einmal hart durchgreifen können.
Der aktuelle Bedarf an sanierungserfahrenen CFOs und CEOs ist derzeit
jedenfalls extrem hoch. Aber auch bei vielen Private Equity-Häusern gibt
es nur wenige erfahrene Kräfte, die bereits zwei oder drei Zyklen mitgemacht
haben. Schließlich ist die Branche relativ jung.
Was sind die besonderen Schwierigkeiten, vor denen Unternehmen in der
Restrukturierung angesichts der aktuellen Wirtschafts- und Finanzlage
stehen?
Markus: Auf der Finanzierungsseite ist das große Problem, an Liquidität
zu kommen. Die Spezialisten für Distressed- Situationen halten sich momentan
stark zurück, weil die Bodenbildung noch nicht erreicht ist und alle davon
ausgehen, dass es noch schlimmer wird, bevor es wieder aufwärts geht.
Deshalb gilt die alte Weisheit: "Never catch a falling knife."
Ein Anzeichen für den derzeitigen Pessimismus ist für uns die Tatsache,
dass im Distressed-Bereich aktuell noch keine neuen Fonds aufgelegt werden,
um die vermehrten Chancen aus der Krise zu nutzen. Aber irgendwann müssen
die Private Equity-Häuser, die noch Geld haben, auch einen Blick auf die
schwierigen Fälle werfen – zumal bald nichts anderes auf dem Markt sein
dürfte. Denn niemand würde in der jetzigen Situation ein gutes Unternehmen
ohne Not verkaufen.
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