Medienbüro In Worten  
  Sascha Woltersdorf  


Sascha Woltersdorf




Strukturwandel in Bonn:
Zwei Global Player setzen Zeichen in der Bundesstadt
(Handelsblatt, 4. Mai 2005)

In jeder Krise liegt auch eine Chance – doch wohl kaum eine andere deutsche Stadt erfüllt diese Maxime so mit Leben wie Bonn. Fraglos war es eine Krise, ein "großer Schock", wie Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann sagt, in der sich die Rheinstadt nach der Entscheidung für Berlin als Hauptstadt befand. Und ebenso fraglos hat der Masterplan funktioniert, der aus der Krise führen sollte: Den durch einen hohen Anteil öffentlicher Verwaltung geprägten Standort für die private Dienstleistungsbranche zu öffnen.

Eine unstrittig große Rolle spielen dabei die Global Player Deutsche Telekom und Deutsche Post. Derzeit arbeiten knapp 106.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftige in der Dienstleistungsbranche Bonns, die öffentliche Verwaltung nicht eingerechnet. Damit stellt der Wirtschaftszweig fast drei Viertel aller Jobs in der Stadt. Ein Anteil, der weit über dem NRW-Durchschnitt liegt und die Grundlage für den gelungenen Wandel am Rhein bildet.

Und derzeit spricht einiges dafür, dass diese Erfolgsgeschichte in der Bundesstadt fortgeschrieben werden kann. In einem im März 2005 erschienenen Dossier rechnet Feri Research mit weiteren "positiven Impulsen": Der Dienstleistungsbereich in Bonn werde "mittelfristig weiter expandieren".

Ähnlich optimistisch äußert sich auch Michael Swoboda, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn/Rhein-Sieg. "Der Trend wird sich in den nächsten Jahren fortsetzen, denn der Dienstleistungssektor ist vom regionalen Markt abhängig."

Insbesondere zwei Unternehmen stehen für den Wandel der Beamtenstadt zum agilen Dienstleistungszentrum: die im Dax notierten Unternehmen Deutsche Post World Net und die Deutsche Telekom. Beide sind – gemeinsam mit der Postbank – aus dem ehemaligen Bundesministerium für das Post- und Fernmeldewesen hervorgegangen, dessen Bereiche im Zuge der Postreformen I und II auf den Weg der Privatisierung gebracht wurden.

Heute haben die beiden Global Player ihre Konzernzentralen in Bonn, sind mit 12.000 (Telekom) und 7.000 (Post) Beschäftigten im Kammerbezirk die Arbeitgeber Nummer eins und zwei am Standort und haben sich auch städtebaulich prestigebewusst ins Blickfeld gerückt: Die Telekom baut im Bundesviertel auf dem Gelände der ehemaligen CDU-Parteizentrale neue Büroflächen. Das alte Parteigebäude wurde gesprengt. Und mit 162 Metern Höhe überragt der Post Tower das ehemalige Abgeordnetenhochhaus Langer Eugen um etwa 40 Meter.

Nordrhein-Westfalens größtes Bürogebäude lässt sich überdies als deutliches Zeichen des Paradigmenwechsels sehen: Die ehemalige Bundeshauptstadt, das alte politische Zentrum, hat die Wirtschaft entdeckt. Gern verweist man in der Bundesstadt auf die Ergebnisse des Wandels. "Die Post-Nachfolger spielen für den Wirtschaftsraum Bonn selbstverständlich eine sehr starke Rolle, vor allem wegen der beschäftigungswirksamen Elemente", sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Swoboda.

Durch den Regierungsumzug hat die kleine Stadt am Rhein etwa 7.000 Arbeitsplätze und 10.000 Einwohner verloren. In der gesamten Region beziffert sich der Verlust auf 30 000 Einwohner und 21 000 Arbeitsplätze. Doch dieser Aderlass konnte durch die positive Entwicklung in anderen, privaten Wirtschaftszweigen überkompensiert werden.

Durchschnittlich 600 Unternehmensgründungen im Jahr verzeichnen die Wirtschaftsstatistiker, viele davon im Umfeld der Telekom. "Die Tatsche, dass die Post-Folgeunternehmen in Bonn ihren Hauptsitz haben, hat hier einen Existenzgründungsboom ausgelöst", sagt Swoboda. "Dieser Boom verläuft in Wellenbewegungen und zieht zurzeit wieder an. Insgesamt haben wir deshalb einen Überschuss an Gründungen."

Deshalb stütze sich die Region neben Großunternehmen wie Post und Telekom auch auf einen "soliden Mittelstand" im den Branchen Information und Telekommunikation (ITK), der auch den erweiterten Dienstleistungsbereich einbezieht. Dabei hat sich die ehemalige Hauptstadt in die nordrhein-westfälische Spitze vorgearbeitet. Im landesweiten Vergleich bedeuten die mehr als 42 000 ITK-Jobs - das sind 29,3 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse – eine Spitzenposition. Nur die Landeshauptstadt Düsseldorf hat mit 30,6 Prozent ITK-Beschäftigten mehr zu bieten. Zum Vergleich: Im Landesdurchschnitt liegen die ITK-Jobs inklusive Dienstleistungsbereich bei lediglich 16,2 Prozent.

Auch in Zukunft soll die Informations- und Telekommunikationsbranche weiter zu den Stützen der Region zählen, die weiter wächst. Die Statistik belegt dies: Von 2003 auf 2004 nahm die Anzahl der eingetragenen Unternehmen um 25,1 Prozent zu, von 5.272 auf 6.596. Das Wachstum in der Branche ist ein Erfolg, den sich jedoch nicht nur Post und Telekom auf die Fahnen schreiben können. "Es ist die Vielfalt, die den Standort Bonn kennzeichnet.

Post und Telekom sind ja ein Teil des Magnets", sagt IHK Hauptgeschäftsführer Swoboda. "Ein anderer ist zum Beispiel die Wissenschaft. Aber generell gilt: Wir haben die Chancen, die sich uns geboten haben, ergriffen."


Interview mit Klaus Zumwinkel (Deutsche Post AG):
"Die Stadt hat sich sehr klug aufgestellt"

Wie bewerten Sie den Standort Bonn für Ihr Unternehmen?
Bonn ist für die Deutsche Post World Net aus mehreren Gründen ein guter Standort: Die Region ist wirtschaftlich und landschaftlich attraktiv – neue Mitarbeiter lassen sich gern hier im Rheintal nieder. Zudem bietet Bonn mit dem nahe gelegenen Flughafen und der Anbindung an das Autobahnnetz eine sehr gute Infrastruktur. Und vor allen Dingen: Bonn verharrt nicht in Nostalgie, sondern entwickelt sich immer weiter. Mit Ansiedlung der verschiedenen UN-Organisationen kommt wieder mehr internationales Leben in die ehemalige Bundeshauptstadt. Die International School in Bonn, die gerade einen Neubau erhält und die auch von uns gefördert wird, ist ein weiterer Standortvorteil für ausländische Mitarbeiter.

Wird die Post am Standort Bonnweiterwachsen?
Im vergangenen Jahr haben wir die weltweite Zentrale unserer Tochtergesellschaft DHL von Brüssel nach Bonn verlegt. Somit ist nun der Post Tower und damit der Standort Bonn die weltweite Schaltzentrale der Deutschen Post World Net. 2.000 unserer weltweit 380.000 Beschäftigten gestalten an diesem Ort Strategie und Handeln eines der größten Logistikkonzerne der Welt. Insofern hat der Standort für den Konzern einmal mehr an Bedeutung gewonnen und wird langfristig für uns zumindest stabil bleiben.

Welche Rolle hat Ihr Unternehmens beim Strukturwandel?
Die Stadt Bonn hat sich nach dem Wegzug der Bundesministerien sehr klug aufgestellt und neue Unternehmen, Behörden und Forschungseinrichtungen an diesen Standort geholt. Sie hat sich von der Stadt der Politik zur Stadt der Telekommunikation, der Logistik und derWissenschaft entwickelt. Mit der Deutschen Post World Net und der Deutschen Telekom sind zwei der größten deutschen Unternehmen mit ihren Zentralen vertreten. Dies beinhaltet eine gewisse Verantwortung, die wir ernst nehmen und mit einem weithin sichtbaren Beitrag dokumentieren: dem Post Tower als unserer Konzernzentrale.

 


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